Zitationsvorschlag

Liebsch, Burkhard: Zwischen Indifferenz und Kapitulation: Unannehmbare Gewalt und deren Veröffentlichung in Bildern, in Kapustka, Mateusz (Hrsg.): Under Shelling: Art Historical Revisions in the Light of the War in Ukraine, Heidelberg: arthistoricum.net, 2025 (2025), S. 102–133. https://doi.org/10.11588/arthistoricum.1327.c22268

Versionen (Buch)

Identifier (Buch)

ISBN 978-3-98501-240-4 (PDF)
ISBN 978-3-98501-309-8 (Hardcover)

Veröffentlicht

06.05.2025 — aktualisiert am 03.06.2025

Versionen

Autor/innen

Burkhard Liebsch

Zwischen Indifferenz und Kapitulation: Unannehmbare Gewalt und deren Veröffentlichung in Bildern

Wir leben zweifellos in einer Zeit gesteigerter Bild­pro­duktion, die uns zwingen kann, ‘alles’ zu sehen. Dabei besteht allerdings die Gefahr, dass es niemand mehr ertragen kann. Wer ‘alles’ sehen muss, wird alsbald nicht(s) mehr sehen können (1). Dennoch können wir nicht darauf verzichten, zumal unannehmbare Gewalt sichtbar zu machen (2), sei es auch nur, um sie forensisch zu dokumentieren im Rahmen eines demokratischen Rechtsstaates, der sich zur Gewalt nicht indifferent verhalten kann, wo sie mit menschlicher Verantwortung einhergeht. Darüber hinaus aber zeigt sichtbar gemachte Gewalt, was aus keinem einzelnen Bild je unvermittelt hervorgehen kann: wie radikal sie eine Welt infragestellt, der von Kindheit an niemand ausgeliefert sein sollte, die wir mit dem Versprechen ver­knüpft sehen, vor Gewalt so weit wie nur möglich geschützt zu sein (3). Die ins Bild gesetzte, dies indirekt zeigende Gewalt macht augenfällig, wie dieses Versprechen immer wieder gebrochen wird. Zu­gleich er­innert sie an eine radikal gefähr­dete, möglicherweise völlig utopische Zukunft, in der dies nicht länger der Fall sein sollte (4). In ihr liegt die Hoffnung einer Praxis der Veröffentlichung, die gera­de nicht einen andauernden Krieg der Bilder befeuern soll, sondern daran erinnert, was für alle Seiten letztlich auf dem Spiel steht zwischen dem Irrweg indifferenten Sichabfindens mit unannehmbarer Gewalt, vor der man kapituliert, einerseits und einer fatalen Apologie der Gewalt andererseits, die sie sich zu eigen macht und infolgedessen weit über jedes unvermeidliche Maß hinaus verschärfen muss (5).